06.11.2011: Landesliga, 3. Runde: SG Schönbuch – SG KK Hohentübingen 3.5:4.5

Der Chef muss es wieder richten

4.5:3.5 gegen eine ersatzgeschwächte Schönbucher Mannschaft, das hört sich nicht berauschend an, ist es auch nicht, aber die Spielanteile waren doch einseitiger verteilt, als es das Ergebnis ausdrückt. Die Königskinder dominierten zunächst klar, wurden dann aber zu leichtsinnig und ließen noch genug Luft hinein, um einen Heißluftballon zu füllen. Man muss allerdings auch den Schönbuchern Respekt zollen, die in schwieriger Lage niemals aufsteckten und sich im Rahmen ihrer Möglichkeiten ganz schön zäh zur Wehr setzten. Anders als in der 2. Runde war es ein farbiges, hart umkämpftes Match, in dem es teilweise zu sehr ungewöhnlichen Ereignissen kam: Matthias spielt eine scharfe Eröffnung, Martin kommt in Zeitnot, Michael nicht, Heiner stellt eine Tonne weg...

Bevor die ganze Aufregung richtig los ging, verbuchte Kai Schumann (7) den ersten halben Punkt. Die Nacht zuvor brachte noch weniger Schlaf als geplant und die „Matschbirne“ wollte einfach nicht recht ihren Dienst verrichten. Als Daniel Töpfer nach der Eröffnung Remis anbot, rang Kai lange mit sich, hielt die Annahme dann aber doch für die vernünftigste Lösung. Einige Zeit später folgte ein weiteres Remis durch Karsten Neurohr (2). Sein Gegner Wolfgang Kramer hatte die Eröffnung recht originell behandelt und zunächst die aktivere Stellung erreicht. Karsten konnte sich dann mit einem Gegenstoß im Zentrum befreien, wonach es zu starken Vereinfachungen und der Punkteteilung kam. Jonathan Reichel (4) kam trotz der schwarzen Steine mit Vorteil aus der Eröffnung, nachdem sich Christoph Lingenfelder zu einem Bauernraub hatte hinreißen lassen. Dies gilt nach der Theorie als zu gefährlich und der Partieverlauf war auch nicht gerade geeignet, dieses Urteil zu erschüttern, denn Jonathan gewann schon bald eine Qualität für einen Bauern. Mit der Verwertungsphase war er zwar nicht völlig glücklich, aber es war wohl alles noch im grünen Bereich und am Ende beschleunigte der Schönbucher mit einem taktischen Lapsus seinen Untergang. Auch Heinrich Uhlig (8) schien gegen Josef Wöll einem Sieg entgegenzusteuern, hatte er doch schon einen Bauern mehr und auch sonst eine gute Position, bis ihm plötzlich ein Fehlerchen unterlief: Schach übersehen, Turm verloren, Partie im Eimer. Bitter! So stand es auf einmal 2:2 statt 3:1 und das Match erschien gar nicht mehr so klar, was auch daran lag, dass die verrückte Partie am Spitzenbrett immer mehr aus dem Ruder lief. Dort hatte Matthias Hönsch eine aggressive Eröffnung ausgepackt, was auch ein voller Erfolg zu werden schien. Reinhard Bachler reagierte zunächst ausgesprochen schwach und stand nach wenigen Zügen dicht vor dem Kollaps. Aber Not macht bekanntlich erfinderisch und während der Gegner noch trickreiche Manöver fand, verpasste Matthias die besten Möglichkeiten und wurde allmählich zurückgeworfen. Am Ende war er trotz seines Mehrbauern sogar recht froh über das Remis durch Zugwiederholung, da er schon fürchtete, vollends die Kontrolle zu verlieren. Es wurde nun wieder Zeit für einen Sieg und den besorgte Bernd Staufenberger (6) gegen Mario Ljubicic. Der schwer definierbare Begriff „dynamisches Spiel“ beschreibt Bernds Erfolgsrezept wohl am ehesten: flexible Bauernstruktur, Druckspiel auf beiden Flügeln, Bildung eines Freibauern, das hielt der Gegner irgendwann nicht mehr aus. Es folgte aber prompt der nächste Rückschlag: Martin Schmidt (3) hatte gegen Wolfgang Abel nach unklarer Eröffnung seine Stellung Zug um Zug verbessert, dafür aber auch relativ viel Zeit verbraucht. Zeitnot ist für Martin ungewohnt („ich sollte öfter in Zeitnot kommen“) und leider schaffte er es nicht, seinen deutlichen Vorteil zu verwerten, sondern verlor sogar im Gegenteil seine Dame. Ob das Endspiel vielleicht trotzdem noch haarscharf zu halten gewesen wäre, müsste man sich näher anschauen, jedenfalls war es schwierig und klappte in der Partie nicht. Also 3.5:3.5 und der Spielausgang lag in den Händen des „Chefs“ Michael Schwerteck (5). Dieser war nach positiver Eröffnung (Bauerngewinn für vage Kompensation) auch schon auf dem Weg, seinen Vorteil zu verschenken, nachdem er die gegnerischen Möglichkeiten unterschätzt hatte. Ein weiterer verpasster Sieg wäre die Krönung gewesen, aber der Schönbucher Klaus Blahut traf im Endspiel seinerseits mehrere fragwürdige Entscheidungen, so dass Michael nach der Zeitkontrolle wieder alles im Griff hatte. Danach war der Sieg nur noch eine Frage der Zeit.

Annex: Das obige Diagramm zeigt die Partie Hönsch – Bachler nach 10...Kd8. Dies ist wohl der kritische Punkt des verrückten Treibens. Weiß hat zwei Bauern mehr, aber es droht eine schwarze Bauernwalze im Zentrum und die Fesselung in der h-Linie ist auch lästig. Was soll Weiß unternehmen? Matthias fand nichts Besseres als 11.Lf5 und nach 11...d5 war Schwarz wieder einigermaßen im Spiel. Zum Glück gibt es aber heutzutage Maschinen, die solchen Unsinn angemessen bestrafen. Des Rätsels Lösung ist 11.e4!, worauf Matthias 11...De8 fürchtete (die Transen auf d8 und e8 machen einen besonders kuriosen Eindruck). Scheinbar fällt einfach g6, aber nun ist 12.Lg5! stark, mit der Pointe 12...Dxg6 13.Dh5! und jetzt fesselt Weiß mit verheerender Wirkung. Besonders Verrückte können sich auch 13.Th6!? anschauen. Das ist zwar weniger stark, aber lustig.


Zurück